Andreas Fuchs über neue Perspektiven im Norden. // Bild: Robert C. Spies
Zwischen Hamburg und Kopenhagen entsteht kein neuer Wirtschaftsraum über Nacht. Doch Infrastruktur, Energie und veränderte Standortanforderungen verschieben die Gewichte im Norden und eröffnen neue Perspektiven für die Immobilienwirtschaft.
Welche Perspektiven ergeben sich daraus für den Norden, Herr Fuchs?
Europa sortiert seine wirtschaftlichen Koordinaten neu. Energieversorgung, belastbare Lieferketten, maritime Infrastruktur und industrielle Wertschöpfung haben erheblich an strategischer Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig entscheidet die Qualität regionaler Verbindungen immer stärker darüber, wo Unternehmen investieren und wo neue Nachfrage nach Immobilien entsteht.
Im Norden Europas treffen mehrere dieser Entwicklungen aufeinander. Hamburg, Schleswig-Holstein und Kopenhagen sind historisch eng miteinander verbunden. Und aus der geografischen und kulturellen Nähe kann in den kommenden Jahren eine neue wirtschaftliche Qualität entstehen. Der Fehmarnbelt-Tunnel ist dafür das sichtbarste Symbol – aber längst nicht der einzige Treiber.
Die Standortkarte des Nordens wird neu gezeichnet
Für die Immobilienwirtschaft ist dabei nicht entscheidend, ob Hamburg und Kopenhagen künftig schneller erreichbar sind. Interessanter ist, was zwischen ihnen passiert. Wenn Infrastruktur verbessert wird, verändern sich Einzugsgebiete, Lieferketten und Standortentscheidungen. Regionen, die bislang eher am Rand lagen, können näher an wirtschaftliche Zentren rücken. Diese neuen Verbindungen schaffen nicht automatisch neue Immobilienmärkte – sie können aber die Voraussetzungen dafür verändern.
Gerade Schleswig-Holstein sollte nicht lediglich als Transitregion zwischen Hamburg und Dänemark betrachtet werden. Die Verbindung von verfügbaren Gewerbeflächen, maritimer Wirtschaft, Logistik und erneuerbaren Energien eröffnet eigene Entwicklungsperspektiven. Hamburg wiederum bleibt der internationale Anker mit Hafen, Industrie, Dienstleistungen und globalen Verbindungen. Kopenhagen ergänzt diese Achse um einen dynamischen Wirtschaftsstandort und den Zugang zu den skandinavischen Märkten.

Neue Verbindungen rücken Kopenhagen, Hamburg und den Norden wirtschaftlich näher zusammen. // Bildquelle: Robert C. Spies
Energieverfügbarkeit als Standortkriterium
Nähe allein ist kein Standortvorteil. Infrastruktur schafft Möglichkeiten und die Standortqualität entscheidet, ob daraus Investitionen werden. Diese Qualität definiert sich heute anders als noch vor wenigen Jahren. Für Industrie, Logistik, Rechenzentren und moderne Gewerbestandorte reicht eine gut angebundene Fläche allein nicht mehr aus. Energieverfügbarkeit wird zunehmend zum entscheidenden Standortfaktor. Gleiches gilt für leistungsfähige Netze, digitale Infrastruktur, Genehmigungsgeschwindigkeit und die Verfügbarkeit geeigneter Flächen.
Vor allem der Norden verfügt mit Windenergie und seiner maritimen Kompetenz über Potenziale. Zum Wettbewerbsvorteil werden sie aber erst, wenn Energie dort verfügbar ist, wo Unternehmen sie benötigen. Der entscheidende Engpass der kommenden Jahre könnte daher weniger die Nachfrage nach Flächen als die Frage sein, welche Standorte die infrastrukturellen Voraussetzungen für neue Nutzungen tatsächlich erfüllen.
Auch geopolitische Veränderungen verstärken diese Entwicklung. Häfen, Werften, Logistik und industrielle Kapazitäten werden unter den Gesichtspunkten von Versorgungssicherheit und Resilienz neu bewertet. Neue Anforderungen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie können zusätzliche Flächenbedarfe auslösen. Für Norddeutschland und Dänemark mit ihren maritimen und industriellen Strukturen entstehen daraus Chancen – allerdings nur dort, wo Flächen, Energie und Infrastruktur zusammenpassen.
Lebensqualität wird zum Standortfaktor
Der Norden gewinnt aber nicht allein als Wirtschaftsraum. Er gewinnt auch als Lebensraum. Der Trend zur „Coolcation“, also zu Reisen in klimatisch gemäßigtere Regionen, wirkt auf den ersten Blick wie ein reines Tourismusthema. Für die Immobilienwirtschaft ist er mehr als das. Nord- und Ostsee, Dänemark und Skandinavien verbinden Erreichbarkeit, Natur und hohe Aufenthaltsqualität. Das kann Hotels, Ferien- und Freizeitkonzepten neue Perspektiven eröffnen. Gleichzeitig zeigt sich darin ein grundsätzlicher Wandel: Unternehmen und Menschen bewerten Standorte nicht mehr ausschließlich nach harten Wirtschaftsfaktoren. Auch Lebensqualität fließt zunehmend in Standortentscheidungen ein.

Der Norden wird immer beliebter als Reiseziel. // Bildquelle: Robert C. Spies
Folglich lohnt es sich, den Norden nicht länger in einzelnen Märkten zu denken. Hamburg, Schleswig-Holstein und Kopenhagen werden ihre Eigenständigkeit behalten. Aber wirtschaftliche Verflechtungen orientieren sich nicht an Landesgrenzen. Immobilieninvestitionen sollten das auch nicht tun.
Nicht jeder Standort entlang der Achse Hamburg-Kopenhagen wird von dieser Entwicklung profitieren. Das wäre zu einfach. Aber dort, wo wirtschaftliche Nachfrage auf die richtigen Standortbedingungen trifft, können sich die Gewichte verschieben. Die zukünftigen Immobilienstandorte müssen folglich nicht zwangsläufig die etablierten Märkte von heute sein. Der Norden rückt näher zusammen und mit ihm verändert sich die Perspektive darauf, wo künftig Potenziale entstehen.
Ein Beitrag von Andreas Fuchs, Geschäftsführer Robert C. Spies Nordics APS.